Kurznachrichten

Wenn die ‚gute Sache‘ jedes Mittel rechtfertigt

Regisseurin Nicole Heinrich über eine überzeugte Stasi-Informantin und die Aktualität ihres Handelns

Cottbus (CB)
Donnerstag 17. September 2026
Niederlausitz
10 min

In ihrem dokumentarischen Monodrama „Monika Haeger – inside stasi“ erzählt Nicole Heinrich die Geschichte einer überzeugten Stasi-Informantin, die eine oppositionelle Ost-Berliner Frauengruppe um Bärbel Bohley ausspionierte. Den Rechtfertigungen der Täterin stellt das Stück die Erfahrungen von Menschen gegenüber, die unter Verfolgung, Verrat und staatlicher Repression litten. Anlässlich der Aufführungen am 24. und 25. September in der Marie 23 in Cottbus sprach Lausitz Online mit der Autorin und Regisseurin über ihre Annäherung an den Stoff, ihre ostdeutschen Familienwurzeln und die Frage, was Menschen im Namen einer vermeintlich „guten Sache“ zu rechtfertigen bereit sind.

Du bist in Westdeutschland sozialisiert worden. Wie bist du auf das Thema Staatssicherheit und dann auf die spezielle Geschichte von Monika Haeger gekommen?

Schon lange wollte ich Autorin und Theaterregisseurin werden und eigene Stoffe auf die Bühne bringen. Während meiner Arbeit in einer Fernsehproduktionsfirma entstand ein Beitrag über den Widerstand in der DDR. Dabei erfuhr ich, dass wichtige Wurzeln dieses Widerstands in den Ost-Berliner Frauengruppen lagen, etwa bei den „Frauen für den Frieden“. Der Protest von 1989 hatte viele Jahre oppositioneller Arbeit als Vorgeschichte. So beschäftigte ich mich erstmals mit Bärbel Bohley.
Später bekam ich selbst Akteneinsicht und stieß darin immer wieder auf den Namen „Karin Lenz“. Unter diesem Decknamen berichtete eine Frau sehr perfide über Bärbel Bohley und ihr Umfeld. Ich wusste, was die Stasi war. Aber mir war nicht bewusst, wie tief ihre Überwachung in das Persönliche und Intime eindrang. Diese Frau las Tagebücher und gab private Dinge über Menschen weiter, die ihr vertrauten.
Von der Art ihrer Berichte her stellte ich sie mir zunächst wie eine Mata Hari vor, wie eine schillernde Topagentin. Dann sah ich zufällig ein Fernsehinterview mit Monika Haeger und begriff: Diese eher unscheinbar wirkende Frau war „Karin Lenz“. Der Gegensatz hat mich schockiert und fasziniert. Ich fuhr nach Berlin und sprach mit Zeitzeugen und Menschen, die Haeger persönlich gekannt hatten. Irgendwann wusste ich: Diese Geschichte muss ich aufschreiben.
Hinzu kam ein künstlerischer Wunsch: Ich wollte bewusst eine Täterin und damit eine schwierige, abgründige Frauenfigur ins Zentrum eines Monodramas stellen. So passten Stoff und Form schließlich zusammen.

Ganz außen stehst du dem Thema trotz deiner westdeutschen Sozialisation nicht gegenüber. Welche Rolle spielt deine Familiengeschichte?

Meine Eltern stammen beide aus der DDR und flohen in den 1960er-Jahren unabhängig voneinander. Mein Vater reiste anlässlich einer Beerdigung in den Westen und blieb dort. Meine Mutter hatte studiert und stand stärker unter Beobachtung. Sie galt später als Staatsfeindin und wurde selbst im Westen noch von der Stasi beobachtet. Ich erinnere mich, dass der Verfassungsschutz sie warnte: Bei einer Rückkehr in die DDR könne sie im Frauengefängnis Hoheneck landen.
Der größte Teil meiner Familie blieb in der DDR, viele Verwandte leben in Sachsen. Das Thema ist für mich deshalb familiär und biografisch keine reine Westperspektive. Durch die Arbeit an dem Stück ist mir noch bewusster geworden, wie stark mich diese ostdeutschen Wurzeln geprägt haben.

Hat die intensive Arbeit an dem Stück deinen Blick auf die DDR und die Staatssicherheit verändert?

Ja, sehr. Obwohl ich die Geschichte meiner Eltern kannte, war die Stasi für mich zunächst ein abstrakter, düsterer Apparat. Durch die Recherche wurde das Thema persönlicher und differenzierter. Ich habe verstanden, wie perfide das System im Alltag durch Manipulation, Verrat und Überwachung im engsten Freundes- und Familienkreis funktionierte.
Bei meiner Mutter war die Bedrohung real, doch die Stasi-Leute gehörten nicht unmittelbar zu ihrem persönlichen Umfeld. Trotzdem existierten Fotos von ihr und Informationen über ihre leitende Tätigkeit in einem Krankenhaus. Bei Monika Haeger zeigte sich dagegen, wie fein die Mechanismen des Verrats waren: Die Menschen, die sie ausspionierte, hielten sie für eine Freundin.
Die Arbeit hat mich dafür sensibilisiert, wie blind der Westen teilweise auf ostdeutsche Biografien blickt. Als ich das Stück erstmals einem Theater in Frankfurt am Main anbot, hieß es sinngemäß: Das interessiere dort niemanden, damit habe man nichts zu tun. Das hat mich schockiert. Hessen grenzt an Thüringen, und Menschen mit ost- und westdeutschen Biografien leben heute überall zusammen. Es ist unsere gemeinsame Geschichte.

Viele Darstellungen erzählen aus der Perspektive der Opfer oder beschreiben die Stasi als Apparat. Warum hast du eine überzeugte Täterin ins Zentrum gestellt?

An Monika Haeger ist besonders, dass viel Material vorliegt und sie selbst ausführlich gesprochen hat. Für ein dokumentarisches Stück ist das sehr ergiebig. Ich habe den Stoff künstlerisch bearbeitet, aber seine Grundlage bilden Haegers eigene Äußerungen und historische Quellen.
Bei der Frage, ob sie später wirklich Reue gezeigt hat, gehen die Meinungen auseinander. In einem bekannten Interview weint sie und sagt, es tue ihr leid. Ich persönlich nehme ihr diese Reue nicht ab. Auch die Menschen, die sie ausspionierte, glaubten ihr nicht. Außenstehende beurteilen das zum Teil anders.
Gerade dieser Widerspruch interessiert mich. Haeger war keine bloße Mitläuferin, sondern stolz darauf, dem Sozialismus und der Staatssicherheit zu dienen. Ihre Perspektive wollte ich nicht allein stehen lassen. Deshalb wird ihr Monolog durch Stimmen von Opfern der SED-Diktatur unterbrochen. Wenn Haeger etwas verharmlost, treffen ihre Aussagen auf die Folgen ihres Handelns.

Ein zentraler Satz Haegers lautet: „Wenn man auf der richtigen Seite steht, dann ist alles gerechtfertigt.“ Warum ist dieser Satz für dich so wichtig?

Er ist für mich der Kern des Stückes und zugleich hochaktuell. Haeger hatte zeitweise Zweifel daran, ob ihr Handeln moralisch vertretbar war. Dann beruhigte sie sich mit dem Gedanken, am Ende auf der Seite der Guten zu stehen. Genau da liegt das Problem: Wenn Menschen glauben, für die richtige Sache zu kämpfen, erklären sie plötzlich auch unmoralische und undemokratische Mittel für zulässig. Das kann unabhängig von der jeweiligen politischen Richtung geschehen.
Ich nenne das im Stück die „Haeger-Haltung“. Jeder Mensch kann in sie geraten. Ich will dem Publikum keine politische Meinung vorschreiben. Entscheidend ist die Frage, wie weit jemand für seine Überzeugung geht. Deshalb stehen unterschiedliche Stimmen nebeneinander. Ein Psychologe erläutert, warum Menschen sich Gruppen anpassen und vor allem Bestätigung für die eigene Haltung suchen. Was dann häufig fehlt, ist die Empathie für den anderen.

Seit 2022 bist du mit dem Stück unterwegs. Wie reagieren die Menschen in Ost- und Westdeutschland darauf?

Die Reaktionen sind sehr vielschichtig. Besonders freut mich, dass sich viele Ostdeutsche durch die Tiefe des Stückes und die Berichte der Opfer ernst genommen und gesehen fühlen. Es gibt aber auch Abwehr und manchmal Scham. Schülerinnen und Schüler erzählen zum Beispiel: „Meine Oma sagt, in der DDR war alles ganz anders, eigentlich war doch alles gut.“ Zugleich sagen einige, dass das Stück sie zum Nachdenken gebracht habe. Im Osten ist die Resonanz insgesamt sehr gut.
In Berlin bestätigte mir pikanterweise einmal ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter salutierend, das Stück sei authentisch. Auch bei weiteren Berliner Aufführungen haben sich einzelne frühere Mitarbeiter oder Funktionsträger zu erkennen gegeben.
Erstaunlicherweise erlebte ich heftigen Widerspruch bisher nur im Westen. Zweimal fragten mich junge Menschen aus einem kommunistischen Umfeld, wie ich eine Stasi-Agentin so negativ darstellen könne. Das zeigt für mich, wie leicht sich ein politisches System idealisieren lässt, wenn man selbst nie unter seinen Bedingungen leben musste.

Was sollen die Zuschauer nach einer Aufführung mit nach Hause nehmen?

Zunächst die Erkenntnis, dass niemand vor Anpassung, Mitläufertum oder sogar Täterschaft gefeit ist. Man kann leicht behaupten: Ich hätte niemals mitgemacht. Aber ich weiß nicht, ob ich selbst den Mut meiner Mutter gehabt hätte, aus der DDR zu fliehen. Die Übergänge können erschreckend fließend sein.
Ich möchte die Zuschauer aus ihrer Bequemlichkeit holen, ohne ihnen fertige Antworten zu geben. Sie sollen sich selbst und die eigene Geschichte befragen und nach der Aufführung über das Geschehene und seinen Bezug zur Gegenwart sprechen.
Zugleich soll klar bleiben: Die DDR war eine Diktatur, in der bis 1989 schwere Verbrechen geschahen. Diese Aufarbeitung ist nicht abgeschlossen. Menschen, die selbst inhaftiert waren oder anderes Unrecht erfahren haben, sollen sich gesehen fühlen. Und selbstverständlich soll das Publikum auch einen guten Theaterabend erleben.

Das Stück wird sowohl an historischen Schauplätzen als auch in gewöhnlichen Theatern und nun in der Galerie Marie 23 gezeigt. Was verändert der Ort?

An einem authentischen Ort wird das Theaterstück aus dem rein Künstlerischen herausgeholt und stärker zu einem Akt des Erinnerns und der Aufarbeitung. Das habe ich etwa in einer ehemaligen Haftanstalt, in der früheren Stasi-Zentrale und an anderen geschichtsträchtigen Orten erlebt. Dort bekommen manche Szenen besonderes Gewicht. Mitunter habe ich an solchen Orten sogar Schwierigkeiten mit den Gegenwartsszenen, weil die historische Erfahrung so stark im Raum steht.
An einem neutraleren Veranstaltungsort ist der Zugang unbefangener. Dadurch rückt der Gegenwartsbezug stärker in den Mittelpunkt. Das erreicht Menschen, die nicht von sich aus in eine Gedenkstätte gehen würden. Manche Betroffene meiden ehemalige Stasi-Orte bewusst, weil diese sie zu stark belasten.

(Das Gespräch führte Jörg Tudyka.)

Nicole Heinrich ist Autorin, Regisseurin und Produzentin. Sie studierte in Bremen und Hamburg Rechtswissenschaften sowie Germanistik mit dem Schwerpunkt Theater und Medien und schloss beide Studiengänge mit dem Magister Artium ab. Danach arbeitete sie unter anderem als Lektorin und Redakteurin für eine Fernsehproduktionsgesellschaft. Sie schrieb und produzierte mehrere Kurzfilme und war als Produzentin für den kanadischen Regisseur Jeremy Lalonde tätig. Mit dem dokumentarischen Monodrama „Monika Haeger – inside stasi“ brachte sie 2022 ihr erstes Theaterstück auf die Bühne. Heinrich lebt und arbeitet überwiegend in Hamburg. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen Frauen und gesellschaftlich relevante Themen.

Mehr Infos zum Stück unter www.nicoleheinrich.com

„MONIKA HAEGER – inside stasi“ wird am Do., 24.9. und Frei, 25.9.2026, jeweils um 19 Uhr in der Galerie Marie 23, Marienstr.23, 03046 Cottbus, aufgeführt.
Der Eintritt ist frei, Anmeldung erwünscht unter: stasi-theater@web.de oder Tel. 0355 86688164

„MONIKA HAEGER – inside stasi“ wird am Do., 24.9. und Frei, 25.9.2026, jeweils um 19 Uhr in der Galerie Marie 23, Marienstr.23, 03046 Cottbus, aufgeführt.
„MONIKA HAEGER – inside stasi“ wird am Do., 24.9. und Frei, 25.9.2026, jeweils um 19 Uhr in der Galerie Marie 23, Marienstr.23, 03046 Cottbus, aufgeführt.
Fotos: Anja Kimmelmann
Die Regisseurin Nicole Heinrich
Die Regisseurin Nicole Heinrich
Foto: Nicole Heinrich

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