Kurznachrichten

Bundesweite Aufmerksamkeit für BTU-Professor

Welt am Sonntag rückt Lausitzer Energieexperten in den Mittelpunkt der Energiewende-Debatte

Cottbus (CB) | Görlitz (GR)
Sonntag 19. Juli 2026
Oberlausitz
Niederlausitz
5 min

Cottbus. Mit einem ausführlichen Interview in der Welt am Sonntag ist die Diskussion über den Kurs der deutschen Energiewende erneut entfacht worden. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei renommierte Wissenschaftler: Professor Dr. Michael Beckmann von der Technischen Universität Dresden und Professor Dr. Mario Schenk von der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg.

Dass mit Professor Schenk ein Energiewissenschaftler aus unserer Lausitz zu den bundesweit gefragten Experten gehört, ist dabei mehr als eine Randnotiz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Hochspannungstechnik und der Stabilität elektrischer Energiesysteme – genau den Bereichen also, die beim Umbau der deutschen Energieversorgung zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Kritische Bestandsaufnahme der Energiewende

Im Gespräch mit der Welt am Sonntag zeichnen Beckmann und Schenk ein kritisches Bild des bisherigen Verlaufs der Energiewende. Dabei stellen sie weder den Klimaschutz noch den Ausbau erneuerbarer Energien grundsätzlich infrage. Ihre Kritik richtet sich vielmehr gegen die Art und Weise, wie der Umbau des Energiesystems bislang erfolgt.

Nach ihrer Einschätzung konzentriere sich Deutschland seit Jahren vor allem auf den Ausbau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen. Gleichzeitig seien jedoch wesentliche Bausteine eines stabilen Energiesystems noch nicht ausreichend entwickelt oder ausgebaut. Dazu zählen leistungsfähige Stromnetze, großtechnische Speicher, regelbare Kraftwerke, Wasserstoffinfrastruktur sowie Marktmechanismen, die Versorgungssicherheit und Netzstabilität angemessen berücksichtigen.

Professor Beckmann beschreibt das deutsche Energiesystem deshalb als ein Gesamtsystem, das sich technisch noch in einer frühen Entwicklungsphase befinde. Professor Schenk warnt gleichzeitig vor einer sinkenden gesicherten Kraftwerksleistung und einer zunehmenden Abhängigkeit Deutschlands von Stromimporten in Zeiten geringer Wind- und Solarstromerzeugung.

Eine Diskussion mit besonderer Bedeutung für unsere Lausitz

Gerade für unsere Lausitz besitzen diese Aussagen besonderes Gewicht.

Seit Jahrzehnten gehört die Region zu den wichtigsten Energiestandorten Deutschlands. Mit dem Ausstieg aus der Braunkohle befindet sie sich mitten in einem historischen Strukturwandel. Gleichzeitig entsteht hier eine der spannendsten Zukunftsfragen der deutschen Energiepolitik: Welche Rolle kann unsere Lausitz künftig für die sichere Energieversorgung übernehmen?

Die Debatte zeigt, dass sich diese Rolle nicht allein auf neue Windparks oder Photovoltaikanlagen beschränken dürfte.

Unsere Lausitz verfügt bereits heute über leistungsfähige Umspannwerke, Höchstspannungsleitungen, ehemalige Kraftwerksstandorte, große Industrieflächen und hervorragend ausgebildete Fachkräfte. Hinzu kommen wissenschaftliche Einrichtungen wie die BTU Cottbus-Senftenberg, die seit Jahren an Themen wie Netzstabilität, Energieanlagen und Hochspannungstechnik forschen.

Genau diese Kompetenzen könnten künftig entscheidend sein.

Vom Energieerzeuger zur Systemregion

Während in der öffentlichen Diskussion häufig über den Ausbau erneuerbarer Energien gesprochen wird, rückt zunehmend eine andere Frage in den Mittelpunkt: Wie bleibt das Stromsystem auch dann stabil, wenn Wind und Sonne zeitweise nur wenig Energie liefern?

Dafür braucht es deutlich mehr als neue Erzeugungsanlagen.

Benötigt werden intelligente Stromnetze, Speichertechnologien, flexible Kraftwerke, Wasserstofflösungen sowie digitale Steuerungssysteme. Erst das Zusammenspiel all dieser Komponenten sorgt dafür, dass Energie jederzeit zuverlässig dort ankommt, wo sie gebraucht wird – in Industrie, Gewerbe und privaten Haushalten.

Gerade hier besitzt unsere Lausitz hervorragende Voraussetzungen.

Die BTU als Stimme der Energiewende

Dass Professor Mario Schenk gemeinsam mit Professor Michael Beckmann in einer der bundesweit auflagenstärksten Sonntagszeitungen zu Wort kommt, unterstreicht zugleich die wachsende Bedeutung der BTU Cottbus-Senftenberg als wissenschaftliche Stimme in energiepolitischen Fragen.

Die Universität begleitet den Strukturwandel nicht nur wissenschaftlich, sondern gestaltet ihn mit ihrer Forschung aktiv mit. Themen wie Netztechnik, Energieversorgung, Wasserstoff oder Systemintegration gehören längst zu den zentralen Zukunftsfeldern der Hochschule.

Dass diese Expertise inzwischen bundesweit wahrgenommen wird, ist auch ein positives Signal für unsere Lausitz.

Die Debatte wird weitergehen

Die Einschätzungen der beiden Professoren werden in der Fachwelt durchaus kontrovers diskutiert. Viele andere Energieforscher halten den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien weiterhin für unverzichtbar und sehen die Lösung vor allem in einem beschleunigten Ausbau von Netzen, Speichern und Flexibilitätsoptionen.

Dennoch macht das Interview eines deutlich: Die energiepolitische Diskussion entwickelt sich weiter.

Längst geht es nicht mehr allein um die Frage, ob die Energiewende gelingen soll. Im Mittelpunkt steht zunehmend die Frage, wie ein Energiesystem entstehen kann, das Klimaschutz, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen gewährleistet.

Für unsere Lausitz eröffnet sich daraus eine große Chance.

Die Region könnte künftig weit mehr sein als ein ehemaliges Kohlerevier oder ein Standort erneuerbarer Energien. Mit ihrer vorhandenen Infrastruktur, ihrer industriellen Erfahrung und ihrer wissenschaftlichen Kompetenz besitzt sie beste Voraussetzungen, sich zu einer der wichtigsten Systemregionen der deutschen Energiewende zu entwickeln.

Dass diese Perspektive inzwischen auch durch einen Professor der BTU bundesweit in die Debatte eingebracht wird, zeigt: Unsere Lausitz ist längst nicht mehr nur Gegenstand des Strukturwandels – sie kann zu einem seiner wichtigsten Gestalter werden.

Die Debatte begann nicht erst in Berlin

Für unsere Lausitz kommen die Aussagen der beiden Wissenschaftler allerdings keineswegs überraschend.

Bereits Mitte Juni hatte die Lausitzrunde gemeinsam mit ihrer Vorsitzenden Christine Herntier und der Mittelstandsinitiative Brandenburg zu einer viel beachteten Fachveranstaltung in das Suhler Klubhaus Schwarze Pumpe eingeladen. Im Mittelpunkt stand die Zwischenbilanz des Strukturwandels und die Frage, ob die 2018 entwickelte Clusterstrategie den aktuellen wirtschaftlichen und energiepolitischen Herausforderungen noch gerecht wird. Vertreter aus Kommunen, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutierten dabei offen über den bisherigen Verlauf des Kohleausstiegs und die künftige Ausrichtung der Region.

Bemerkenswert ist dabei: Einer der zentralen wissenschaftlichen Impulsgeber war bereits damals Professor Dr. Michael Beckmann von der TU Dresden. Gemeinsam mit Vertretern der BTU Cottbus-Senftenberg, der LEAG, der Industrie- und Handelskammern sowie der regionalen Wirtschaft wurde deutlich, dass die eigentlichen Herausforderungen weniger im Ausbau einzelner Technologien liegen als im Aufbau eines wirtschaftlich tragfähigen Gesamtsystems. Fragen der Versorgungssicherheit, wettbewerbsfähiger Energiepreise, neuer Wertschöpfung und einer leistungsfähigen Infrastruktur standen bereits in Schwarze Pumpe im Mittelpunkt der Diskussion.

Dass nun die Welt am Sonntag dieselben Wissenschaftler zu den grundlegenden Fragen der deutschen Energiewende interviewt, zeigt deshalb vor allem eines: Die energiepolitischen Diskussionen, die seit Monaten in unserer Lausitz geführt werden, finden zunehmend bundesweite Beachtung. Die Region ist längst nicht mehr nur Schauplatz des Strukturwandels – sie entwickelt sich immer stärker zu einem Ort, an dem die strategischen Fragen der künftigen Energieversorgung Deutschlands diskutiert werden.

Die Energieversorung ist und bleibt eines der wichtigsten Themen in Deutschland
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Foto: Archiv

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